Warum diese Ausstellung?
Die
Europäische Union will mehr sein als
ein Wirtschaftsraum, nämlich ein gemeinsames Haus der Kulturen
oder auch ein
„Sozialraum Europa“, wie ihn Jacques Delors gefordert hat. Dazu aber
ist es
unerlässlich, angesichts der im Westen des Kontinents tief
sitzenden
Vorurteile gegenüber der Erweiterung der Union am Balkan,
Verständnis, Neugier
und Offenheit für die neuen Bürger der Gemeinschaft zu
wecken.
2007
wird ein weiterer Schritt der
Erweiterung gesetzt sein.
Die
geplante Ausstellung „Balkan –
europäischer Kulturraum“ soll ein wesentlicher Beitrag dazu sein,
die
emotionale und intellektuelle Distanz zwischen dem Westen und dem
Südosten
Europas zu überbrücken.
Es soll nicht nur eine Ausstellung über
die Balkanländer werden, sondern ganz wesentlich auch mit
den
Balkanländern: erarbeitet in engem Kontakt mit Museen und
Wissenschaftlern aus
der Region, die so zugleich zu einer Zusammenarbeit untereinander und
einem
Interesse füreinander angeregt werden, an denen es zwischen den
Balkannationen
sehr oft immer noch mangelt.
Der Republik Österreich und der Stadt Wien
kommt dabei auf Grund ihrer vielfachen (bis in die Gegenwart
reichenden)
historischen Verquickung mit dem Balkan eine besondere Rolle zu, und
Wien ist
als Ort der Ausstellung geradezu prädestiniert. Zudem
leben in Wien seit vielen Jahrzehnten tausende von
GastarbeiterInnen und MigrantInnen aus dem südöstlichen
Europa. Ihnen auf diese
weise Anerkennung zu zollen und Reverenz zu erweisen, würde ich
für ein
weiteres Argument für den Standort Wien geltend machen (Karl
Kaser/Graz).
Für wen wird
die Ausstellung gemacht?
Bei
der Ausstellung geht es vorrangig
darum, Kommunikation und Dialog zwischen den Menschen West-, Mittel-
und
Südosteuropas zu ermöglichen. Darum erheben wir mit unserem
Konzept nicht den
Anspruch auf eine enzyklopädische Totalität, sondern es
versucht durch
Spotlights auf inhaltliche Schwerpunkte den Balkan lebendig zu
vermitteln. Es
geht dabei nicht um die Schilderung nationaler Entwicklungen, sondern
um die
Gemeinsamkeiten, die Konflikte, Erfahrungen und Traditionen der Region
des Balkans
darzustellen.
Darum
werden die Menschen im Mittelpunkt
dieser Ausstellung stehen. Sie sollen in ihren geistigen,
gesellschaftlichen,
sozialen und religiösen Lebensformen gezeigt werden.
In
allen Bereichen der Ausstellung sollen
Mythologisierungen im Fremd- und Selbstbild des Balkans den Aspekten
der kulturellen
und wirtschaftlichen Verflechtung zwischen West- und Südosteuropa
gegenübergestellt werden.
Grundlegend
ist ein anthropologischer
Ansatz. Die Kunst der Ausstellung wird darin bestehen, das
wissenschaftliche
Material, Forschung und Fakten, interdisziplinär erlebbar zu
machen.
In
allen Bereichen der Ausstellung werden,
Klischeevorstellungen und Mythologisierungen im Fremd- wie auch
Selbstbild des
Balkans dargestellt und mit Aspekten der kulturellen und
wirtschaftlichen
Verflechtungen zwischen West und Ost– im Spannungsfeld zwischen lokaler
Selbständigkeit, Abhängigkeit, Fremdherrschaft und Widerstand
in Beziehung
gesetzt.
Was will die
Ausstellung zeigen?
1. Migration
Der
Balkan ist ein Territorium des
toleranten Miteinanderlebens und der feindlichen Auseinandersetzung
zwischen
Kulturen, Traditionen und Zivilisationen im Spannungsfeld zwischen
Orient und
Okzident. Bevölkerungsgruppen wurden hin- und her geschoben,
willkürlich oder
aus wirtschaftlichen Gründen. Migration und Emigration hatten
immer schon eine
zentrale Bedeutung im ganzen Raum. Begegnungen verschiedener Kulturen
spielten
sich im Wesentlichen entlang der großen Handelsrouten ab, wie der
Donau, der
Via Egnatia, den Heerstraßen des Mittelalters bis zu den
Gastarbeiterrouten des
20. Jahrhunderts.
2. Veränderungen und Bedrohungen
…
hinterließen tiefe Spuren in den
Erinnerungen der Menschen. Wurzeln, Identitäten und
Gemeinsamkeiten wurden und
werden in der Beziehung zu längst vergangenen Zeiten gesucht. Dazu
gehören die
gemeinsamen griechisch-römischen Wurzeln ebenso wie die von Mythen
und
mythologischen Gestalten als lebendig empfundene Natur. Die Landschaft
ist
integraler Bestandteil der Lebenswelt (Hirtenwanderungen). In manchen
Regionen
werden Kinder zum Beispiel nach Waldgeistern, Flüssen, Seen und
Bergen benannt
oder nach den Helden der griechischen Mythologie.
Die
Landesnatur prägt die agrarischen und
(etwa durch die Bodenschätze) die wirtschaftlichen
Möglichkeiten, sie prägt die
Architektur (in Stein oder in Holz), die gesellschaftliche Entwicklung
(abgeschiedene oder leicht zugängliche Gebiete).
3. Regionen und Religionen
Von
der slawischen Landnahme im 6.
Jahrhundert bis zur Entstehung ethno-nationaler Identitäten im 19.
Jahrhundert
(mit Rückgriffen auf die antiken Völker der Region)
lässt sich gerade am
Balkan hervorragend zeigen, wie willkürlich (und oft ideologisch
geprägt) ein
scheinbar „naturgegebenes“ Kriterium wie die Volkszugehörigkeit
ist.
Am
Balkan definierten sich „Völker“,
solange das Wort noch nicht seinen modernen Inhalt hatte, nach Berufen:
unter
„Sachsen“ verstand man Bergleute, unter „Deutschen“ die
Stadtbürger, unter
„Bulgaren“ die Bauern usw. Die Erfindung von Nationen lässt sich
hier mit allen
Konflikten und Mehrdeutigkeiten, in die die Identitäten des
einzelnen dabei
geraten, bis herauf zu den jüngsten Kriegen verfolgen, in
denen Jugoslawien
zerfiel.
Die
byzantinische und die osmanische
Herrschaft haben den Balkan nachhaltig verändert; wohl die
wichtigsten unter
ihren zahlreichen Hinterlassenschaften sind die großen
Religionen des Raumes:
Orthodoxie und Islam, aber auch das Judentum.
4. Die
Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen
Die
jüngere und jüngste
Gesellschaftsgeschichte des Balkans ist nicht zuletzt durch die
Übernahme westeuropäischer
Sozialstrukturen bestimmt: von den einen als Modernisierung gefordert
und
gefördert, von den anderen als Verwestlichung verdammt, also
jedenfalls ein
Feld ideologischer Auseinandersetzungen:
Familienstrukturen:
Vor allem in den
Jahrzehnten des Kommunismus wurden die traditionellen (und zum Teil
sogar in
der Wissenschaft verklärten) Zadruga-Familien schwer
wiegenden Veränderungen
unterworfen; trotzdem spielt etwa das Fest des Familienheiligen
selbst noch in
der Diaspora der Arbeitsmigranten eine zentrale Rolle.
Stadtkultur
vs. Landleben: Die
Urbanisierung am Balkan schreitet voran, und z.B. Sofia und Belgrad
sind
pulsierende junge Städte mit einer lebhaften
Alternativkulturszene. Dem
gegenüber stehen weite Landstriche nach wie vor agrarischen
Charakters (den
freilich, abermals, der Kommunismus stark verändert hat). Der
Balkan als
„ländliche Idylle“ ist nicht zuletzt für
Ultranationalisten diverser Nationen
Idealbild und Kampfbegriff und geht heute einher mit dramatischer Armut
und
Rückständigkeit.
Wie wird das
alles in der Ausstellung gezeigt?
„Der
Balkan – europäischer Kulturraum“
will ein Erlebnis sein, das alle Sinne anspricht: ein Erlebnis, keine
akademische Abhandlung. Natürlich hat sie Wissen zu vermitteln,
aber
spielerisch. Die Besucherinnen und Besucher sollen belehrt werden,
sich aber
nicht belehrt fühlen. Das schließt anspruchsvolle Themen wie
die eben
skizzierten keineswegs aus; eher im Gegenteil.
Multimediainstallationen
und interaktive
Computerstationen sollen dazu ebenso beitragen wie spektakuläre
Originalexponate.
Für
die Ausstellungsgestaltung konnte mit Boris
Podrecca ein internationaler Stararchitekt gewonnen werden.
Wo
soll die Ausstellung sein?
Die
Stadt Wien hat sich bereit erklärt,
Schloss Neugebäude für die Ausstellung zur
Verfügung zu stellen – ein idealer
Ort aus drei Gründen:
1.
wegen der wirklich spektakulären
Räumlichkeiten, die nicht nur schön, sondern auch
großartig für Ausstellungen
geeignet sind
2. wegen
der historischen Konnotationen, die
sich an den Ort knüpfen (bei Schloss Neugebäude stand
während der 2. Wiener
Türkenbelagerung das Zelt des Sultans)
3.
weil die Möglichkeit, das geradezu
legendenumwobene Schloss endlich einmal zu besuchen, zusätzliches
Interesse
(und das heißt: Besucher) für die Ausstellung generieren
wird.
Was
passiert darüber hinaus?
In der ganzen Stadt sollen
Aktivitäten forciert werden, die sich dem
Ausstellungsthema widmen: Bibliotheken, Restaurants, Museen etc.
könnten
Balkan-Themen für 2007 Balkan-Themen in ihr Programm aufnehmen.
Für die Dauer
der Ausstellung ist flächendeckende „Balkanisierung“ Wiens
durchaus angestrebt.
April 2005
Idee und Konzept: Christine von Kohl
Auf der
Basis eines Papiers von XXX Six Hohenbalken
und WortStatt
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