DER BALKAN - kultur raum europa 2007

DIE AUSSTELLUNG - zwischen adria und schwarzem meer



warum diese ausstellung?
für wen wird`s gemacht?
was wollen wir zeigen?
wie wird was gezeigt?
wo soll sie stattfinden?
was soll darauf folgen?
wer soll das bezahlen?

 

termin: frühjahr/sommer 2007
ort: schloss neugebäude/wien
projektleitung: christine von kohl, walter raunig, herbert maurer
architektur: boris podrecca



Warum diese Ausstellung?

Die Europäische Union will mehr sein als ein Wirtschaftsraum, nämlich ein gemeinsames Haus der Kulturen oder auch ein „Sozialraum Europa“, wie ihn Jacques Delors gefordert hat. Dazu aber ist es unerläss­lich, angesichts der im Westen des Kontinents tief sitzenden Vorurteile gegenüber der Erweiterung der Union am Balkan, Verständnis, Neugier und Offenheit für die neuen Bürger der Gemeinschaft zu wecken.

2007 wird ein weiterer Schritt der Erweiterung gesetzt sein.

Die geplante Ausstellung „Balkan – europäischer Kulturraum“ soll ein wesentlicher Beitrag dazu sein, die emotionale und intellektuelle Distanz zwischen dem Westen und dem Südosten Europas zu überbrücken.
 
Es soll nicht nur eine Ausstellung über die Balkanländer werden, sondern ganz wesentlich auch mit den Balkanländern: erarbeitet in engem Kontakt mit Museen und Wissenschaftlern aus der Region, die so zugleich zu einer Zusammenarbeit untereinander und einem Interesse füreinander angeregt werden, an denen es zwischen den Balkannationen sehr oft immer noch mangelt.

Der Republik Österreich und der Stadt Wien kommt dabei auf Grund ihrer vielfachen (bis in die Gegenwart reichenden) historischen Verquickung mit dem Balkan eine besondere Rolle zu, und Wien ist als Ort der Ausstellung geradezu prädestiniert. Zudem leben in Wien seit vielen Jahrzehnten tausende von GastarbeiterInnen und MigrantInnen aus dem südöstlichen Europa. Ihnen auf diese weise Anerkennung zu zollen und Reverenz zu erweisen, würde ich für ein weiteres Argument für den Standort Wien geltend machen (Karl Kaser/Graz).



Für wen wird die Ausstellung gemacht?

Bei der Ausstellung geht es vorrangig darum, Kommunikation und Dialog zwischen den Menschen West-, Mittel- und Südosteuropas zu ermöglichen. Darum erheben wir mit unserem Konzept nicht den Anspruch auf eine enzyklopädische Totalität, sondern es versucht durch Spotlights auf inhaltliche Schwerpunkte den Balkan lebendig zu vermitteln. Es geht dabei nicht um die Schilderung nationaler Entwicklungen, sondern um die Gemeinsamkeiten, die Konflikte, Erfahrungen und Traditionen der Region des Balkans darzustellen.

Darum werden die Menschen im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen. Sie sollen in ihren geistigen, gesellschaftlichen, sozialen und religiösen Lebensformen gezeigt werden.

In allen Bereichen der Ausstellung sollen Mythologisierungen im Fremd- und Selbstbild des Balkans den Aspekten der kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtung zwischen West- und Südosteuropa gegenübergestellt werden.

Grundlegend ist ein anthropologischer Ansatz. Die Kunst der Ausstellung wird darin bestehen, das wissenschaftliche Material, Forschung und Fakten, interdisziplinär erlebbar zu machen.

In allen Bereichen der Ausstellung werden, Klischee­vorstellungen und Mythologisierungen im Fremd- wie auch Selbstbild des Balkans dargestellt und mit Aspekten der kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen West und Ost– im Spannungsfeld zwischen lokaler Selbständigkeit, Abhängigkeit, Fremdherrschaft und Widerstand in Beziehung gesetzt. 



Was will die Ausstellung zeigen?
1. Migration

Der Balkan ist ein Territorium des toleranten Miteinanderlebens und der feindlichen Auseinandersetzung zwischen Kulturen, Traditionen und Zivilisationen im Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident. Bevölkerungsgruppen wurden hin- und her geschoben, willkürlich oder aus wirtschaftlichen Gründen. Migration und Emigration hatten immer schon eine zentrale Bedeutung im ganzen Raum. Begegnungen verschiedener Kulturen spielten sich im Wesentlichen entlang der großen Handelsrouten ab, wie der Donau, der Via Egnatia, den Heerstraßen des Mittelalters bis zu den Gastarbeiterrouten des 20. Jahrhunderts.

2. Veränderungen und Bedrohungen

… hinterließen tiefe Spuren in den Erinnerungen der Menschen. Wurzeln, Identitäten und Gemeinsamkeiten wurden und werden in der Beziehung zu längst vergangenen Zeiten gesucht. Dazu gehören die gemeinsamen griechisch-römischen Wurzeln ebenso wie die von Mythen und mythologischen Gestalten als lebendig empfundene Natur. Die Landschaft ist integraler Bestandteil der Lebenswelt (Hirtenwanderungen). In manchen Regionen werden Kinder zum Beispiel nach Waldgeistern, Flüssen, Seen und Bergen benannt oder nach den Helden der griechischen Mythologie.

Die Landesnatur prägt die agrarischen und (etwa durch die Bodenschätze) die wirtschaftlichen Möglichkeiten, sie prägt die Architektur (in Stein oder in Holz), die gesellschaftliche Entwicklung (abgeschiedene oder leicht zugängli­che Gebiete).

3. Regionen und Religionen

Von der slawischen Landnahme im 6. Jahrhundert bis zur Entstehung ethno-nationaler Identitäten im 19. Jahrhundert (mit Rückgriffen auf die an­tiken Völker der Region) lässt sich gerade am Balkan hervorragend zeigen, wie willkürlich (und oft ideologisch geprägt) ein scheinbar „naturgegebenes“ Kriterium wie die Volkszugehörigkeit ist.

Am Balkan defi­nierten sich „Völker“, solange das Wort noch nicht seinen modernen Inhalt hatte, nach Berufen: unter „Sachsen“ verstand man Bergleute, unter „Deut­schen“ die Stadtbürger, unter „Bulgaren“ die Bauern usw. Die Erfindung von Nationen lässt sich hier mit allen Konflikten und Mehrdeutigkeiten, in die die Identitäten des einzelnen dabei geraten, bis herauf zu den jüngsten Kriegen verfol­gen, in denen Jugoslawien zerfiel.

Die byzantinische und die osmanische Herrschaft haben den Balkan nach­haltig verändert; wohl die wichtigsten unter ihren zahlreichen Hinterlassen­schaften sind die großen Religionen des Raumes: Orthodoxie und Islam, aber auch das Judentum.

4. Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen

Die jüngere und jüngste Gesellschaftsgeschichte des Balkans ist nicht zu­letzt durch die Übernahme westeuropäischer Sozialstrukturen bestimmt: von den einen als Modernisierung gefordert und gefördert, von den anderen als Verwestlichung verdammt, also jedenfalls ein Feld ideologischer Ausein­andersetzungen:

Familienstrukturen: Vor allem in den Jahrzehnten des Kommunismus wurden die traditionellen (und zum Teil sogar in der Wissenschaft ver­klärten) Zadruga-Familien schwer wiegenden Veränderungen unter­worfen; trotzdem spielt etwa das Fest des Familienheiligen selbst noch in der Diaspora der Arbeitsmigranten eine zentrale Rolle.

Stadtkultur vs. Landleben: Die Urbanisierung am Balkan schreitet voran, und z.B. Sofia und Belgrad sind pulsierende junge Städte mit ei­ner lebhaften Alternativkulturszene. Dem gegenüber stehen weite Landstriche nach wie vor agrarischen Charakters (den freilich, aber­mals, der Kommunismus stark verändert hat). Der Balkan als „ländli­che Idylle“ ist nicht zuletzt für Ultranationalisten diverser Nationen Idealbild und Kampfbegriff und geht heute einher mit dramatischer Armut und Rückständigkeit.



Wie wird das alles in der Ausstellung gezeigt?

„Der Balkan – europäischer Kulturraum“ will ein Erlebnis sein, das alle Sinne anspricht: ein Erlebnis, keine akademische Abhandlung. Natürlich hat sie Wissen zu vermitteln, aber spielerisch. Die Besu­cherinnen und Besucher sollen belehrt werden, sich aber nicht belehrt fühlen. Das schließt anspruchsvolle Themen wie die eben skizzierten keineswegs aus; eher im Gegenteil.

Multimediainstallationen und interaktive Computerstationen sollen dazu ebenso beitragen wie spektakuläre Originalexponate.

Für die Ausstellungsgestaltung konnte mit Boris Podrecca ein internatio­naler Stararchitekt gewonnen werden.


Wo soll die Ausstellung sein?

Die Stadt Wien hat sich bereit erklärt, Schloss Neugebäude für die Ausstel­lung zur Verfügung zu stellen – ein idealer Ort aus drei Gründen:

1. wegen der wirklich spektakulären Räumlichkeiten, die nicht nur schön, sondern auch großartig für Ausstellungen geeignet sind

2. wegen der historischen Konnotationen, die sich an den Ort knüpfen (bei Schloss Neugebäude stand während der 2. Wiener Türkenbelagerung das Zelt des Sultans)

3. weil die Möglichkeit, das geradezu legendenumwobene Schloss endlich einmal zu besuchen, zusätzliches Interesse (und das heißt: Besucher) für die Ausstellung generieren wird.


Was passiert darüber hinaus?

In der ganzen Stadt sollen Aktivitäten forciert werden, die sich dem Ausstellungsthema widmen: Bibliotheken, Restaurants, Museen etc. könnten Balkan-Themen für 2007 Balkan-Themen in ihr Programm aufnehmen. Für die Dauer der Ausstellung ist flächendeckende „Balkanisierung“ Wiens durchaus angestrebt.


 
April 2005

Idee und Konzept: Christine von Kohl
Auf der Basis eines Papiers von XXX Six Hohenbalken und WortStatt


Nähere Informationen zur Ausstellung gibt es unter balkan@balkan-dialog.org.



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